Wir optimieren uns kaputt. Reine Effizienz ist kontraproduktiv.

Der Kurier, Nicole Thurn, 08.06.2015

Ein Interview Dr. Barbara Heitger über die Schattenseiten der Kosten-Nutzen-Maximierung.
 
KURIER: In den Firmen herrschen  Überforderung und Erschöpfung. Warum?
Barbara Heitger: Die Erschöpfung speist sich aus  verschiedenen Quellen. Durch die Krisen 2008 und 2009 und die wachsende Konkurrenz der Schwellenländer ist ein großer Effizienzdruck in den Unternehmen entstanden.  Strategien sind anfälliger, die Märkte volatiler. Das schlägt sich auf Abteilungen und  Mitarbeiter durch.
 
Man hat den Eindruck, es geht nur noch um Effizienz.
Ja, viele börsennotierte Unternehmen haben das Effizienzthema überdreht, haben zu viel  bei Mitarbeitern und Know-how gespart.  Das hat die Unternehmen  unflexibel gemacht  –  Effizienz ist dann eine Falle. Management-Vordenker James March hat gesagt: Führungskräfte haben zwei Aufgaben – sie müssen für  Exploit,  den kostengünstigsten Nutzen,  und für Explore, den  Raum  für Innovationen und Problemlösungen, sorgen. Beides muss sich die Balance halten. Reine Effizienz ist kontraproduktiv:  Mit weniger Mitarbeitern  kann ich nicht innovativer  sein.  
 
Inwiefern?
Der Vorstand eines deutschen Automobilkonzerns hat  zu mir gesagt: Ich habe Effizienzziele, Innovationsziele, woran soll ich noch drehen? Das ist eine Überladung von Ansprüchen und Zielen.  Ich rate den Führungskräften, eine Art Drehbuch für die Zukunft zu schreiben und abseits von Kennzahlen zu überlegen: Was unterscheidet uns  vom Mitbewerb?
 
Wieso ist Explore wichtig?
Weil die Firmen auf unerwartete Marktchancen und -risiken reagieren müssen. Man braucht Muße und bestimmte Arbeitsformate wie Hackatons (Team-Bewerb unter Zeitdruck, Anm.), um zu Innovation und auf Lösungen  zu kommen. Und man braucht eine  andere Art von Know-how. Man muss  Querdenker ins Unternehmen holen und überlegen: Wo ist Effizienz sinnvoll und wo zerstört sie die kollektive Lösungskompetenz der Mitarbeiter? Ich frage mich, wie die Leute in Meetingräumen auf Ideen kommen sollen. Viele Mitarbeiter erschöpft es,   mit den klassischen Methoden Lösungen finden zu müssen.  
 
Ist das Management-Sache?
Ja. Das Topmanagement muss wissen, wie Innovation und Lösungen entstehen: Es muss den Mitarbeitern ermöglichen, in fremde Welten zu gehen, muss Workshops anbieten. Die Topmanager sollten vielleicht selbst mal raus gehen aus ihren  verwöhnten Meetingräumen,  zu den Kunden.
 
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