Sich selbst und andere verstehen

Der Standard / Leadership, Martin Engelberg 23.08.2014

Für alle Führungsdilemmata sind einfache Tipps und Kniffe gewünscht, die schnell zu magischer Veränderung führen. Das geht leider nicht. Die Psychoanalyse kann aber auch da nützlich sein.

"Da muss ich ja ein Psychoanalytiker sein, um das alles verstehen zu können, was um mich herum geschieht", sagte einmal ein Teilnehmer unseres Führungskräfteseminars "Below the Surface". Nun, Psychoanalytiker muss man natürlich nicht sein, aber eine gewisse Kompetenz beim Verstehen von Menschen hilft sicherlich. Welche Führungskraft hat sich in Veränderungsprozessen noch nie gefragt: "Wieso gehen meine Mitarbeiter so in den Widerstand, und was tue ich dagegen?" Oder: "Wie verklickere ich meiner Organisation die anstehenden Veränderungen am besten?"

Gewünscht sind für alle diese Fragen möglichst einfache Antworten, die schnell wirkende Lösungen mit sich bringen. Kniffe, mit deren Hilfe magische Veränderungen bewirkt werden können, so wie man einen Lichtschalter umlegt. Tut leid - das geht nicht! Was also tun? Schließlich ist heute bei Führungskräften ein ordentliches Maß an emotionaler, sozialer Intelligenz gefordert: die Fähigkeit, auf andere Menschen einzugehen, sie zu verstehen und mit ihnen umgehen zu können, zur Beurteilung des eigenen Handelns, also zur Selbstreflexion imstande zu sein. Insgesamt also zur Herstellung integrer menschlicher Beziehungen fähig zu sein, die zumindest nicht überwiegend von der Lust der Machtausübung und der Ausnützung anderer Personen geprägt sind. 

Wo lernt das eine Führungskraft? Die wichtigste Grundlage ist eine gesunde Entwicklung der Persönlichkeit im Laufe des Lebens mit wohlwollenden und entwicklungsfördernden Beziehungserfahrungen, beginnend im Elternhaus, in der Schule bis hin in das Berufsleben. In der klassischen Managementausbildung gibt es dafür noch immer keinen oder bestenfalls sehr wenig Platz. 

Aber Leadership und Transformation sind Begriffe, die bereits heute untrennbar miteinander verbunden sind und dies in der Zukunft noch mehr sein werden. Um diese Herausforderung erfolgreich meistern zu können, sind Führungskräfte zunehmend in ihrer Persönlichkeit und sozialen Intelligenz gefordert. Daran stetig zu arbeiten gehört daher bereits zu den Kernaufgaben erfolgreicher Manager. 

An der Wirtschaftsuniversität Wien zum Beispiel gibt es das in dieser Beziehung vorbildlich arbeitende Institut für verhaltenswissenschaftliches orientiertes Management. Hier werden künftige Führungskräfte auf die Herausforderungen des Berufslebens hinsichtlich der sogenannten Soft Skills vorbereitet. Aber "soft" wird noch immer oft als Gegensatz zu "hard" oder "tough" angesehen, wie ein erfolgreicher Manager zitiert wird. Also ist der Anteil an männlichen Studierenden an diesem Institut gleich deutlich niedriger als an anderen Instituten. 

Dabei plagen sich Führungskräfte mit den immer gleichen Fragen herum: Was ist mit dieser Person in meinem Team los, oder liegt es an mir? Was denken andere über mich und meinen Führungsstil? Gibt es etwas, was ich daran ändern könnte? Wie gehe ich mit Mitarbeiten um, die in eine Krise, in Burnout geraten oder schwer erkranken?

Als ausgebildete Psychoanalytiker mit weitreichender klinischer Praxis haben wir in den vergangenen 15 Jahren gesehen, dass viele psychoanalytische Konzepte mit großem Erfolg in der täglichen Arbeit eines Executives eingesetzt werden können: das Verstehen von unbewussten Prozessen, von Projektionen, der Einsatz von "Containment", der Umgang mit dem Agieren von Menschen. Fortbildung in diese Richtungen ist also nützlich. Durch ein besseres Verstehen der wesentlichen Dilemmata und Muster innerer Konflikte, die den Kern des eigenen Persönlichkeits- bzw. Führungsstils bilden, kann besser Umgang entstehen und besseres Verständnis für Kollegen und Mitarbeiter.

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