Mein Selbst als Tool in der Beratungsarbeit

ZOE, Nr.1/2014

Vier Change Professionals im virtuellen Gespräch. Thomas Binder, Uwe Böning, Franziska Espinoza, Barbara Heitger
Moderation: Elisabeth Rohmert


Was verstehen Experten des Change Managements aus Österreich, der Schweiz und Deutschland unter dem "Selbst als Tool"? Welchen Einfluss hat ihr Berater-Selbst auf ihre Beratungstätigkeit und den Umgang mit Kunden? Wie verändert sich das eigene Selbstverständnis im Laufe der Zeit, der Berufserfahrung und in der Auseinandersetzung mit Organisationen, die sich im Umbruch befinden? Elisabeth Rohmert, selbst Coach in der Schweiz, hat die Change Professionals Thomas Binder, Uwe Böning, Franziska Espinoza und Barbara Heitger zu einem virtuellen Panel-Gespräch über Skype eingeladen. Lesen Sie im Folgenden wie diese Praktikerinnen und Praktiker sich in dem ungewohnten, spontanen Setting ausgetauscht haben.

OE: Zum Einstieg eine schlichte Frage: Was glauben Sie über sich als BeraterIn? Wie verstehen Sie Ihr «Berater-Selbst»?

Binder: Ich glaube eine nahezu unerschöpfliche Energie entwickeln zu können, wenn ich etwas spannend finde. Daher suche ich, mein Interesse zu vertiefen – das liegt ja nicht bei allen Kunden und Themen immer gleich auf der Straße. Das Finden ist für mich ein aktiver Akt. Und ich glaube von mir, dass ich große Lust habe, meinen Kunden dabei zu helfen, das zu erreichen, was sie oder ihre Organisation weiterbringt.

Heitger: Ich verstehe mich an der Seite des Klienten als jemand, der sehr wach ist und die Fähigkeit hat, zu erfassen – analytisch wie spürend – was los ist und das aus der Außensicht und als Sparringpartner zur Verfügung zu stellen. Die Pendelbewegung: Nah ran zu gehen und dann wieder die Gesamtperspektive in den Blick zu nehmen und daraus etwas zu entwickeln, das ist mein Beitrag.

Espinoza: Als interne Beraterin strebe ich an, dass mein Berater-Selbst nicht allzu eng sitzt, sondern etwas porös ist. Natürlich habe ich Vorstellungen darüber, wie ich als Beraterin bin oder sein sollte. Aber ich möchte mich nicht darauf festlegen, was ich zu sein glaube, sondern gut hinhören, mein Gegenüber wahrnehmen und immer auch einen Raum offenhalten für das, was ich genau in diesem Moment sein kann.

Heitger: Ich stimme zu: Zentral für uns Berater ist, Offenheit zu entwickeln: Mich zugleich sehr – als Resonanzkörper – und überhaupt nicht – als Person – wichtig zu nehmen. Das braucht heute viel mehr als früher eine "meditative Vorbereitung" auf die Begegnung. Das Druckvolle in Klienten-Systemen wird ja viel stärker. In den letzten Jahren ging es vor allem um mehr Effizienz bei immer weniger Ressourcen. Und die Unsicherheiten im Zusammenwirken Finanzmarkt – Realwirtschaft dauern an. Inhaltlich muss viel mehr Komplexität bewältigt werden und das erzeugt oft emotionale Überforderung. Wie gelingt es, das richtige Tempo zu finden? Wann macht es Sinn zu beschleunigen, wann zu verlangsamen? Das findet sich dann auch in unseren unterschiedlichen Berateridentitäten: Geht es mehr um zählen (beschleunigen) oder erzählen (entschleunigen) wie positioniere ich mich da als Berater?

Böning: Was ich über mich glaube: Im Wunschbild, im Realbild? Ich wünsche mir natürlich stets mehr Durchschlagskraft meiner Aktivitäten. Und hoffe, dass ich mich fortlaufend besser auf Kunden einstellen kann. Was ich dann real über mich denke: Erstens, dass meine Kunden meinen Einschätzungen und Feedbacks glauben können. Sie können überprüfen, um zu merken: Hier ist ein Impuls, den ich ernst nehmen sollte. Zweitens verstehe ich mich als jemand, der eine überprüfende Bodenhaftung anbieten kann. Und drittens kümmere ich mich mit meinem eigenen Unternehmen sowohl um Unternehmensentwicklung, als auch die persönliche Entwicklung der Führungskräfte. Ich versuche dort, beide Perspektiven in einen konstruktiven Spannungsbogen zu bringen.

Espinoza: Ich muss und will als Beraterin mit der zunehmenden Beschleunigung in Unternehmen mithalten. Und gerade deshalb braucht es Momente des Innehaltens. Es ist in einer informationsüberfluteten Welt, in der alle ständig auf allen möglichen Informationskanälen reaktionsbereit sein wollen, sehr herausfordernd, sich auf einen echten, als langsam empfundenen Gruppendialog einzulassen. Nur wenn es gelingt, Räume zu schaffen, in denen die Teilnehmenden zuerst aufmerksam ihre Denkweisen und Begrifflichkeiten miteinander abstimmen und sich wirklich füreinander interessieren, ist rasches Vorangehen möglich.

OE: Erliegen Berater an dieser Stelle nicht gern der Versuchung, im Selbstverständnis einen automatischen Dialogpartner zu kreieren, das ist immer der Kunde? Referenziert ein Berater-Selbst lieber auf das Außen oder das eigene Innere?

Binder: Selbstkonfrontation ist für unser professionelles Selbstverständnis sehr wichtig. Nicht nur darauf zu achten, was geklappt hat und was nicht. Sondern auch darauf, wie ich dazu gekommen bin, dass ich mich so verhalte. Auch zu erkennen, was ich nicht im Blick hatte. Wichtig ist, darauf zu achten, was mir Sicherheit gibt und gleichzeitig, was mich verunsichert und zwar immer wieder. Aber auch wahrzunehmen, ob ich genügend Energie, Lust und Motivation mitbringe: Das heißt, ob es mir eine Herzensangelegenheit ist.

Böning: Es ist wohl notwendig, die eigenen Ziele, Maßstäbe und Werte bewusst zu haben und sie im Bedarfsfall auch parallel dem Gesprächspartner zugänglich zu machen. Die dialogische Beziehung ist ja faktisch nicht eingleisig, sondern immer mehrgleisig. Beratung heißt immer "Arbeit an den Zielen des Kunden". Beratung ist nach meinem Verständnis Unterstützung des Klienten, nicht aber Missionsarbeit.

Heitger: Zum Stichwort Dialog halte ich es immer noch mit Luhmann: Erst durch Kommunikation entsteht Sinn. Wir können sozusagen nur durch Kommunikation Vieldeutigkeit verringern und Richtung geben. Den Fokus auf die Aufgabenorientierung von Organisationen zu halten, ist dabei wesentlich.

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