"Das Wissen vieler im Unternehmen nutzen"

Der Standard, 31.3/1.4.2012

Bei Web-2.0-Anwendungen seien Unternehmen noch in der Lernphase - Wie Crowdsourcing genutzt werden kann, war Thema bei Leadership Revisited


Ob Enterprise 2.0, Leadership 2.0 oder Management 2.0 - rein begrifflich sind die interaktiven Elemente des Internets in der Wirtschaft angekommen. Was die Anwendungen betrifft, befinden sich Unternehmen aber noch in einer Lernphase, sagt Caroline Rudzinski, systemische Beraterin und Forscherin mit Fokus Innovations- & Wissensmanagement. Am Montag stellte sie beim Workshop Leadership Revisited im Palais Trauttmansdorff in Wien Nutzungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Herausforderungen für Führungskräfte vor.

Die Herausforderungen dabei seien einerseits, einen Anschluss zwischen neuer Technik und Bestehendem einzurichten, und andererseits, eine passende Struktur zu schaffen, um Relevantes, das über Web 2.0 generiert werde, auch beobachtbar und bewertbar zu machen, ergänzt Rudzinski. Crowdsourcing, also die Weisheit vieler zu nutzen, sei nur ein Anwendungsbeispiel. Rudzinksi erklärte diese Methode anhand der erfolgreichen Geschäftsidee des US-amerikanischen Unternehmens Quirky. Gegen ein geringes Entgelt kann jeder seine Ideen auf einer Plattform veröffentlichen, die von der Community bewertet und kommentiert werden. Die am höchsten bewerteten Ideen werden von Quirky ausgewählt und kommen in einen strukturierten Prozess, beginnend bei Research, Design bis hin zu Branding. Danach wird der Prototyp des Produkts wieder auf der Plattform zur Bewertung veröffentlicht, fällt diese überzeugend aus, geht das Produkt in Produktion.

Diejenigen Nutzer, deren Vorschläge Berücksichtigung finden, werden von Quirky an dem Produkterfolg beteiligt.Crowdsourcing zur Informations- und Ideengewinnung müsse immer für alle Beteiligten - seien es die Mitarbeiter eines Unternehmens oder Externe - transparent und nachvollziehbar sein, sagt Rudzinski. Eine konkrete Frage zu stellen und Qualitätskriterien aufzusetzen sei wesentlich für den Erfolg. Wichtig sei auch die Honorierung, nicht nur der Idee an sich, sondern auch der brauchbaren Kommentare. Crowdsourcing am Internetinformationsmarkt heiße für Firmen, neue Kommunikationsräume zu schaffen. Da Informationen und Ideen anonym ausgetauscht werden können, gebe es auch keine hierarchischen Barrieren, und so könne die eigene In- novationskultur widergespiegelt werden, ergänzt Rudzinski. Aber es bedeute auch eine andere Art der Führung, denn die Führungskraft könne sowohl beobachten als auch beobachtet werden.

Beobachter und Beobachteter
Mithilfe von Netzwerkanalysen wie beispielsweise Google Insights könne man genau beobachten, wer wo was kommuniziert. Diese Beobachterrolle ermögliche, blinde Flecken auch in der eigenen Führung zu reduzieren, sagt sie, aber dafür müssen sich Führungskräfte von der Rationalität und einer stabilen Erfassbarkeit der Dinge verabschieden und akzeptieren, dass es unterschiedliche Realitäten gibt, von deren jede relevant sei. Führungskräfte müssen eine Struktur aufbauen, die einerseits Überraschung und Irritation zulässt und andererseits auch an Bewährtem festhält.

Als Beobachteter gehe es jedenfalls nicht darum, Rechenschaft abzulegen, sondern die Beteiligung aktiv mitzugestalten und die Prozesse dementsprechend anzupassen. Die Leistung liege darin, Struktur und Unstrukturiertes so zu verbinden, dass eine Balance hergestellt werde.

Link zum Artikel