Management: Gewappnet sein für turbulente Zeiten

Die Presse, 15.10.2011

Das Schlagwort der Stunde heißt Resilienz: Das Konzept beschäftigt sich mit der Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und unerwarteten Ereignissen und birgt Lektionen für Einzelne wie auch Unternehmen.

Die Lehren aus den vergangenen Jahren sind altbekannt und neu zugleich. Seit jeher werden ambitionierte Langzeitpläne von unerwarteten Krisen über den Haufen geworfen. Neu ist die Komplexität, das Maß der internationalen Vernetzung: Plötzlich müssen regionale Player Risikofaktoren auf dem Radar haben, die sich auf anderen Erdteilen entwickeln. Die Sicherheit des Jobs, der Erfolgskurs des Unternehmens können gefährdet sein durch Krisen fernab der eigenen Märkte. Die brennenden Fragen: Wie reagiere ich auf das Unerwartbare? Wie sichere ich mein Unternehmen gegen Krisen ab?

Einen kleinen Boom erlebt in diesem Zusammenhang aktuell der Begriff Resilienz (siehe Infobox). Ausgangspunkt: Manche Menschen kommen besser mit widrigen Umständen zurecht als andere. Und manche Organisationen erscheinen in Krisensituationen robuster als die Konkurrenz. Untersuchungen zeigen, dass diesen resilienten Akteuren jeweils bestimmte Eigenschaften gemein sind – von der individuellen Grundhaltung bis hin zur langfristigen Unternehmensausrichtung. Dementsprechend findet sich der Resilienzgedanke im Einzelcoaching ebenso wieder wie in der Strategieberatung. 

Die krisenfeste Persönlichkeit
Andreas Wismek beschäftigt sich seit Langem mit dem Konzept und gibt sein Wissen an Führungskräfte weiter. Besonders viel habe sich in den vergangenen beiden Jahren auf dem Gebiet getan, sagt der Unternehmensberater und Mentaltrainer. „Typisch für resiliente Persönlichkeiten ist, dass sie schon klare Ziele haben, an denen sie sich in schwierigen Situationen wieder orientieren können“, so Wismek. „Außerdem zeigen sie eine gewisse Form der Gedankendisziplin.“ Anstatt in Verzweiflungsspiralen unterzugehen, richten sie ihre Gedanken wieder neu aus.

Das klingt zunächst nach stoischer Gelassenheit und Konzentration auf sich selbst. Ebenso wichtig ist aber die Kommunikation: „Was zählt, ist eine starke Netzwerkorientierung“, erklärt Wismek. Resiliente Personen ziehen sich nicht mit Problemen zurück, die sie allein nicht lösen können, sondern suchen rechtzeitig Unterstützung bei anderen.

„Gute und belastbare Beziehungen aufzubauen, beispielsweise zu Kunden und Wertschöpfungspartnern, ist wichtig“, sagt auch Judith Kölblinger, Seniorberaterin bei Heitger Consulting. Die Wiener Unternehmensberatung hat sich, auch gemeinsam mit ihren Kunden, intensiv dem Thema gewidmet, als man etwa vor zwei Jahren feststellte, dass der Begriff immer wieder in der amerikanischen Managementliteratur auftauchte. Ergebnis: Auf persönlicher Ebene nennt Kölblinger Qualitäten wie „Achtsamkeit,  den Blick auf das Ganze, Selbstbewusstsein,  und die Fähigkeit zur Kommunikation“.

Die robuste Organisation
Unternehmen können nicht mehr darauf vertrauen, dass ihre Investitionsvorhaben vom wirtschaftlichen Aufschwung getragen werden. Trotzdem müssen sie Risken eingehen. Resiliente Organisationen befassen sich schon vorab damit, was passiert, wenn der Worst Case eintritt: „Sie müssen sich vor Augen führen, wo sie verwundbar sind, und entsprechend vorbeugen“, erklärt Kölblinger.

Es gibt Beispiele von Konzernen, die hauptberufliche Troubleshooter installiert haben. Der alleinige Job dieser Leute ist es, sich über aktuelle Komplikationen aus allen Bereichen zu informieren und sie aktiv weiterzuverfolgen, bis sie gelöst sind. Vorzubeugen geht in der Regel einher mit Kosten. „Man sollte sich die Frage stellen: Welche Ausfallsysteme brauchen wir in welchem Umfang und an welchen Stellen?“, sagt Kölblinger. Dass ein Ausfallsystem im Nachhinein nicht benötigt wurde, ist noch kein Argument gegen seine Sinnhaftigkeit.

Resilienz fasst als Konzept eine ganze Bandbreite von Maßnahmen zusammen – für Martin Hagleitner eine klare Modewelle: „Jede Art von Modewelle ist mit Vorsicht zu genießen. Es ist zu hinterfragen, was dahintersteht“, sagt der ehemalige Österreich- und CEE-Chef des Malik Management Zentrums und heutige Vorstand des Wärmespeicherherstellers Austria Email: „Vieles von dem, was robust macht, sind eigentlich Unternehmertugenden und Prinzipien wirksamer Führung. Wenn es aber als eine Art Trägerrakete hilft, Themen wie eine langfristige Orientierung, die die Abkehr vom Diktat der kurzfristigen Finanzmarktlogik bedeutet, zu transportieren, schadet es auf keinen Fall.“

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