Krisenmanagement pur und hautnah

Der Standard, 13./14.11.2010

Nicht ein Held, sondern das Team verhindert Katastrophen: Amy L. Fraher, ehemals Navy Commander und nun Leadership-Professorin, ließ Krisenmanagement hautnah miterleben.

Eine Videosequenz aus dem Cockpit: Die gesamte Crew ist minutenlang fixiert auf eine ausgefallene Kontrolllampe, diskutiert Reparatur, Ersatz, kommuniziert unklar mit dem Tower, während der Riesenvogel fortlaufend an Höhe verliert, bis er crasht. Auf den Höhenmesser hat niemand geachtet, alle haben dem Captain hinterdrein auf die Lampe geglotzt, diskutiert, ein wenig gescherzt. Alle waren sehr senior, sehr routiniert, sehr sicher.

Amy L. Fraher zieht ihr Publikum direkt hinein in Krisen, in Katastrophen, lässt miterleben, wie es zum Desaster kommt. Es wird unerträglich, den Teams beim Versagen zuzusehen - damit wird aber fühlbar, was schiefläuft, und die Krisenmanagement-Beraterin hat das Auditorium dort, wo sie es haben möchte: bei der Erkenntnis, dass es nicht Helden oder Schurken - jedenfalls nicht Einzelpersonen - sind, aus deren Unvermögen High-Risk-Situationen zu Katastrophen werden. Es ist immer das Team, das versagt. Und dies meist, weil die Top-Verantwortlichen den Teammitgliedern ihre Rollen nicht ausreichend klargemacht haben, die Ressourcen des Teams nicht nützen und tendenziell so agieren, dass sie "Followership" als "ja, Chef, sicher, Chef" verstanden haben wollen.

Beraterin für Hochrisikomanagement
Amy L. Fraher weiß, was Hochrisiko-Situationen sind, weiß, was es bedeutet, nur wenige Sekunden nützen zu müssen, an denen das Leben von sehr vielen Menschen hängt: Sie ist als Navy Commander (Oberstleutnant) abgerüstet, war dann Pilotin für United Airlines, ist Mitglied im Leadership-Circle des Wall Street Journal und hat "als dritte Karriere", wie sie sagt, Leadership studiert, ist mittlerweile Professorin am San Diego Miramar College und international gefragte Beraterin für Hochrisikomanagement und Krisenprävention.

Als solche ist sie derzeit gemeinsam mit Martin Engelberg (Vienna Consulting Group) bei heimischen Spitzenbeamten im Einsatz. In der Vorwoche machte sie am Montag im Wiener Palais Trauttmansdorff im Rahmen von "Leadership Revisited" ihre Botschaft fühlbar: Zu oft werden Menschen aufgrund ihrer technischen Fähigkeiten ins Management befördert; die Organisation vergisst, in Sachen Leadership und Teambuilding zu unterstützen und zu fördern.

Dass uniforme Teams mit zu wenig kritischen Leadern, ohne kritische Fragen, dass Teams, in denen die Mitglieder einander totschweigen oder neidisch outperformen, Entscheidungen abnicken oder hintertreiben, der beste Nährboden für Katastrophen sind, war dem Auditorium am Montag im Workshop auch nicht neu - was das in jeweiligen potenziellen Krisensituationen aber bedeutet, machte sehr erschrocken.

Systemischer Blick
Auch, dass Routine und das Sichverlassen auf den gewohnten Komfort binnen weniger Momente im Desaster enden kann. Mehr Stunden im Flugsimulator hätten die Katastrophe im Einstiegsvideo nicht verhindert, resümiert Fraher. Eine ordentliche Risikokultur bedarf immer eines systemischen Blickes: Jeder trägt sein Stück bei, Leadership besonders in Krisensituationen bedeute, dass jeder sein Stück Leadership beitrage. Dazu hätte der Captain in der Videosequenz befähigen müssen. Die Analogien zu Enron und der Finanzkrise wurden schnell sehr deutlich. An Beispielen für schlechte Teams und die Folgen ihres Tuns mangelte es in den anschließenden Diskussionen nicht. Barbara Heitger (Heitger Consulting) hatte erreicht, was sie bezweckte: einem "alten" Thema, Leadership, einen Besuch abzustatten und neue Perspektiven, neue Zugänge zu ermöglichen.

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