Persönliche Resilienz kann erworben werden

wirtschaft + weiterbildung, 07/08/2010

Menschen, die in Krisen ähnlich kopflos wie Horst Köhler reagieren, kann man gerade in Zeiten höchster Not mit dem Modell konfrontieren, das Menschen mit hoher persönlicher Resilienz abgeben. Resilienz ist die Fähigkeit, unvorhergesehene Schlüsselsituationen und Turbulenzen zu meistern und daraus gestärkt hervorzugehen. Solche Menschen sind stabil, widerstandsfähig, elastisch, ohne die eigene Identität zu verlieren. Die Resilienz eines Menschen ist das Ergebnis der individuellen Entwicklung. Wenn man etwas von resilienten Menschen lernen will, dann sollte man sich folgende vorbildliche Haltungen und Fähigkeiten ansehen:
a) Gefühlsstabilität. Turbulenzen werden ruhig und fokussiert durchlebt. Stress wird eher als eine positive Herausforderung, die keine nachhaltigen Beeinträchtigungen verursacht, erlebt.
b) Analysestärke. Die Fähigkeiten liegen im logischen Denken, im genauen Beobachten und im Identifizieren von Ursachen (und Folgen).
c) Realismus. Man erkennt und akzeptiert nicht veränderliche Rahmenbedingungen anstatt sie zu verdrängen. Rückschläge, Verluste und Überforderungen sieht man als unvermeidlichen Teil des Lebens, aber "erlauben" ihnen nicht, die eigene Zukunft zu bestimmen.
d) Zuversicht und Optimismus. Bei einer Niederlage wird an den Erfolg des nächsten Versuchs geglaubt. Zuversicht und Optimismus bringen deshalb lösungsorientierte und kreative Ideen.
e) Lösungsorientierung. Vorhaben werden wenig impulsiv, sondern überlegt und geplant in die Tat umgesetzt, ohne dafür eine sofortige "Belohnung" zu erwarten und auch wenn die Früchte der Anstrengung nicht sofort zum Tragen kommen.
f) Einfühlungsvermögen. Es zeigt sich ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen gegenüber sich selbst, anderen Personen, Situationen. Der Perspektivenwechsel macht offen für Pfade abseits der eingefahrenen Straßen. Weil man versucht, diese anderen Perspektiven zu verstehen, besteht eine hohe situative Anpassungsfähigkeit
g) Verantwortung. Statt die passive Opferrolle einzunehmen, wird man aktiv. Ein starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten macht es leichter, ganz bewusst Verantwortung zu übernehmen. Dies resultiert aus der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Man erkennt, welche Fähigkeiten man hat, und wie man diese produktiv einsetzt.
h) Kontaktfreude. Weil die eigene Begrenztheit akzeptiert wird, baut man sich ein Umfeld mit Unterstützung und Ressourcen auf, das in schwierigen Situationen hilft. Die Fähigkeit, andere Menschen und ihre Fähigkeiten richtig einzuschätzen, hilft dabei, die richtigen Kompetenzen zu Hilfe zu nehmen und dadurch langfristige Beziehungen aufzubauen.

Was Horst Köhler in seiner schwierigen Situation geholfen hätte, wissen wir nicht. Vielleicht war es für ihn ja doch die einzig richtige Entscheidung? Wenn es allerdings "nur" eine reaktive Entscheidung war, dann wäre Selbstführung angesagt gewesen mit einer Strategie, den eigenen Autopiloten außer Kraft zu setzen: Das kann netzwerken sein, um Abstand zu gewinnen bei Freunden oder bei einem Coach (Kontaktfreude), oder eine analytische Standortbestimmung der Situation mit der Bewertung möglicher Optionen (Analysestärke, Lösungsorientierung) oder es wäre nützlich gewesen, einfach Zeit und Raum für sich selbst zu schaffen und erst einmal "drüber schlafen" und so für "Gefühlsstabilität" zu sorgen und die eigene Verantwortung zu stärken.

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